Die Grimmelshausen-Gesellschaft im Jahr 2025
Bericht über die Tagung „Lust, Drogen, Rausch.
Zur Dialektik von Moralität und Devianz im Werk Grimmelshausens und in der Literatur der Epoche“,
03.–05. Juli 2025 in Oberkirch und Renchen
Nach einem Grußwort von Gregor Bühler, Oberbürgermeister der Stadt Oberkirch, eröffnete Peter Heßelmann, Präsident der Grimmelshausen-Gesellschaft, die Tagung und führte kurz in deren Thema ein. Den ersten Vortrag hielt Joana van de Löcht (Münster), die sich mit der Sünde der Völlerei in Zeiten des ökonomischen Mangels in der Frühen Neuzeit und dem unangemessenen Umgang mit Nahrungsmitteln auseinandersetzte. Im Zentrum ihrer Ausführungen standen der historische Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges mit seiner spezifischen Ökonomik und deren Literarisierungen in Flugschriften, Flugblättern, Predigten, Traktaten und im Simplicissimus Teutsch. Stefan Schrader (Berlin) widmete sich unter Berücksichtigung der Sozialgeschichte dem Abusus des Genussmittels Tabak und der Ambiguität der Lasterschelte in Jacob Baldes Satyra contra Abusum Tabaci und Sigmund von Birkens Übersetzung Die Truckene Trunkenheit. Einblicke in ein breites Spektrum frühneuzeitlicher Texte zum Fressen und Saufen bot Peter Heßelmann (Münster) und stellte Policey-Ordnungen sowie Schriften von Martin Luther, Johann von Schwarzenberg, Matthäus Friderich, Wilhelm Fabry, Vincentius Opsopoeus, Aegidius Albertinus, Blasius Multibibus [Pseud.], Heinrich Ammersbach, Claus von und zu Schauenburg, Johann Heinrich Weienmaier und Johann Ludwig Hartmann vor. Dieter Martin (Freiburg) ging der Bedeutung und Funktion des Motivs der Trunkenheit im Drama des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts nach und untersuchte Komödien von Georg Schoch, Christian Reuter und Christian Friedrich Henrici.
Abends fand in der Mediathek der Stadt Oberkirch eine beeindruckende Lesung von José F. A. Oliver (Hausach) statt, dem ehemaligen Präsidenten des PEN-Zentrums Deutschland. Er stellte sie unter den Titel DIE W:ORTENAU – eine Region der W:ANDERSPRACHE.
Am zweiten Tag folgten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer einer Einladung in die Grimmelshausenstadt Renchen. Dort wurden sie von Bürgermeisterin Stephanie Bartsch begrüßt. Den Reigen der Vorträge eröffnete Thomas Borgstedt (München), der sich Aspekten der komischen Lust und Ambivalenzen des Begehrens im simplicianischen Werk zuwandte. Lea Iser (Tübingen) ging ihrer Fragestellung „Laster, Sex und Polygamie mit Gottes Beistand?“ in der Continuatio und in Georg Greflingers Die Entdeckung der Insul Pines nach. Dabei konzentrierte sie sich auf das Leben des frommen Einsiedlers in Grimmelshausens und auf Polygamie, Freizügigkeit sowie Experimente zur Bevölkerungsentwicklung in Greflingers Roman. In ihrem narratologischen Zugriff auf beide Texte konnten Gemeinsamkeiten und Differenzen der ,Bestseller‘ verdeutlicht werden. Mit Aphrodisiaka im Simplicissimus und in der zeitgenössischen Literatur befasste sich Eric Achermann (Münster). Er bot einen aufschlussreichen historischen Überblick über Stimulanzien der Lust von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Die anschließende Mittagspause wurde zum Besuch der Ausstellungen im Simplicissimus-Haus und im Erweiterungsgebäude genutzt. Dirk Werle (Heidelberg) warf anhand von Johann Beers ,zotigem‘ Roman Der Politische Feuermäuer-Kehrer die Frage nach pornographischem Erzählen im 17. Jahrhundert auf und stellte die von Beer realisierte ,Ästhetik der Zote‘ vor. Musik in Badeorten im Spannungsfeld von Gesundheitsförderung und Vergnügen, Tugenden und Laster zur Zeit Grimmelshausens war das Thema des Vortrags von Claudius Hille (Tübingen), der seine perspektivenreichen Argumentationen mit Beispielen aus der Malerei und Graphik untermauern konnte. In den inhaltlichen Kontext der Tagung über „Lust, Drogen und Rausch“ passte eine Kellerführung und moderierte Weinprobe im Gebäude der Oberkircher Winzer.
Am letzten Tag des Symposiums kam man wiederum in Oberkirch zusammen. Yashar Mohagheghi (Aachen) griff den im 16. Jahrhundert – unter anderem von Johann von Schwarzenberg – geführten Trunkenheitsdiskurs vor der Folie moderner Theorien zur Zivilisationsgeschichte, Affektkontrolle und Sozialdisziplinierung auf. Bei Ludger Jorißen (Wiesbaden) gerieten Glücksspiel und Spielsucht, deren Diagnostik und Therapie in Alea, sive de curanda ludendi in pecuniam cupiditate (1561) von Pascasius Justus Turcq in den Blick. Die spektakuläre Aufführung des Schauspiels Conflagratio Sodomae (1607) von Andreas Saurius in Straßburg war Gegenstand des Beitrags von Michael Hanstein (Leinfelden-Echterdingen). Der Untergang der sündhaften Stadt Sodom wurde auf der Schaubühne mit großem Aufwand eindrucksvoll gezeigt, nicht zuletzt durch Schlacht-, Prügel- und Gelageszenen und ein prächtiges Feuerwerk, das die Schaulust des Publikums befriedigen sollte. Judit M. Ecsedy (Budapest/Wolfenbüttel) sondierte die Literarisierung von Trunkenheit, Rausch und sexuellen Ausschweifungen in Georg Philipp Harsdörffers Schauplätzen. Im Mittelpunkt ihrer Darstellung standen die Adaption der französischen Prätexte von Théophraste Renaudot, Jean-Pierre Camus, François de Rosset und Claude Malingre. Um eine andere Quelle Harsdörffers ging es Hans-Joachim Jakob (Siegen), der über den Traktat Der Mässigkeit Wolleben/ und der Vnmässigkeit Selbstmord des Nürnberger Literaturkompilators und den italienischen Ausgangstext von Alvise Cornaro referierte.
Am Nachmittag wurde die satzungsgemäße Mitgliederversammlung der Grimmelshausen-Gesellschaft durchgeführt. Den Abschluss der Tagung bildete der traditionelle Abschiedsschmaus im „Silbernen Stern“ zu Gaisbach.
Gefördert wurde die Konferenz durch die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e. V. (ALG) aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Städte Oberkirch und Renchen sowie die Sparkasse Offenburg/Ortenau.
Peter Heßelmann (Münster)