Die Grimmelshausen-Gesellschaft im Jahre 2018


Tagung
"Geld. Interdiskursive Ökonomien bei Grimmelshausen",

7. – 9. Juni 2018 in Bochum

Die in Kooperation mit der Grimmelshausen-Gesellschaft von Nicola Kaminski, Robert Schütze und Jörg Wesche veranstaltete und organisierte Tagung zum Thema „Geld. Interdiskursive Ökonomien bei Grimmelshausen“ wurde von der RUB Research School großzügig finanziert. Den Vortragsreigen eröffnete Dieter Breuer (Aachen) mit einem Überblick zum Kapitaltransfer im Werk Grimmelshausens. Er führte aus, dass es dem Autor vornehmlich um die moralischen und psychologischen, ja magischen Wirkungen des Geldes ging, die er zum Gegenstand satirischer Kritik machte. Auf der anderen Seite werden in den Geschichten vom keuschen Joseph und seinem Diener Musai nationalökonomische Überlegungen über staatliche Schatzbildung und den Kreislauf des Geldes zum Thema. In erster Linie jedoch widmete sich Grimmelshausen vor moraltheologischem Hintergrund der alltäglichen Praxis von Geldgeschäften und deren Risiken. Erläutert wurden die Versuche der Romanprotagonisten, ihr erworbenes Geldvermögen zu sichern und vor fremden Zugriff zu bewahren. Dabei spiele Grimmelshausen vor allem drei Möglichkeiten des Transfers von Geldvermögen durch: persönliches Mitführen von gemünztem Geld und Wertsachen im Vertrauen auf äußeren Schutz oder auf Verstecke, Geldtransfer durch kaufmännische Wechselbriefe und Kapitalflucht in sichere Länder angesichts von Kriegsgefahr und innerstaatlichen Konflikten. Stephan Kraft (Würzburg) lenkte das Interesse auf inverse Geschäfte mit dem „Spiritus familiaris“. Bedeutung und Funktion des magischen Requisits verdeutlichte er anhand des Courasche-Romans, des Traktats von Simplicissimi Galgen-Mænnlin und in einem erhellenden Vergleich zu Friedrich de la Motte Fouqués Geschichte vom Galgenmännlein (1810). Die „(De)Regulation der erzählten Ökonomie durch Geister und Schatzfunde“ bei  Grimmelshausen stand im Mittelpunkt des Vortrags von Joana van de Löcht (Heidelberg). Neben Beschreibungen des regulären Geldtransfers finden sich in seinen Texten mancherlei Erwähnungen von übernatürlichem Gelderwerb. Analysiert wurden die Szenen, in denen von Geld aus Schatzfunden und Geisterhand berichtet wird, um die Funktion der Erzählmotive zu umreißen. Simon Zeisberg (Berlin) stellte die Frage nach der Darstellung von Geldbewegung, Akkumulation und Handel sowie ihren kritischen moraltheologischen Implikationen in Schriften Grimmelshausens und skizzierte eine Typologie mit Blick auf poetologische Aspekte des Werkes. Nicht zuletzt wurden die von Grimmelshausen angewandten Verfahren der narrativen Diskursivierung von Geld-Wissen ausgelotet. Es konnte unter anderem gezeigt werden, dass die Problematik der tendenziellen Nicht-Integrierbarkeit von praktischer Erfahrung und moralisch-religiösem Geld-Wissen zum Erzählgegenstand werde. Einerseits dominiere die Vorstellung von der Dämonie des Geldes, die Romanfiguren in Laster und Sünde verstricke, wobei die Erzählung die Funktion der iterierenden Exemplifizierung eines invariabel anmutenden moralisch-religiösen Wissens übernehme. Andererseits werde das Geld diesseits antichrematistischer Vorurteile als lebensnotwendiges instrumentelles Medium aufgefasst. Am Abend des Veranstaltungstages stellte Levy da Costa Bastos (Rio de Janeiro) sein Projekt der ersten Übersetzung von Grimmelshausens Courasche ins Portugiesische vor.

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Eric Achermann (Münster) zur Barockökonomie und zur Therapie des politischen Körpers. Ausgehend von in Staats- und Wirtschaftstheorien der Frühen Neuzeit geläufigen Analogien von Körper, Staat und Ökonomie, vom Blut- und Geldkreislauf, wurden insbesondere kameralistische Konzeptionen in Grimmelshausens Musai hinterfragt. Es wurde deutlich, welche Regulative die Gesundheit dieses Staatskörpers bestimmen, welchen Gefahren er ausgesetzt ist und welche Hausordnung der Analogie zwischen gesundem Körper und Pyramide zugrunde liegt. Die Pyramide diene als Symbol und Medium einer wirtschaftlichen und politischen Gerechtigkeit. Peter Heßelmann (Münster) ging den fiskalpolitischen Anschauungen in Claus von und zu Schauenburgs Teutschem Friedens-Raht nach und erörterte die Frage, inwiefern sie Spuren im Werk Grimmelshausens hinterlassen haben. Der Friedens-Raht stellt ein Sammelbecken von politischen, ökonomischen, finanz- und sozialpolitischen Positionen des 16. und des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts dar. Die Berufung auf göttliches Recht, die Autorität der Bibel und die religiöse Fundierung von Herrschaft als Referenzpunkte für Grimmelshausen betten seine staats-, ordnungs-, sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischen Vorstellungen in den Kontext einer „Politica christiana“ ein. Matthew Feminella (Tuscaloosa) wandte sich Courasche als zunächst erfolgreicher Kapitalanlegerin zu. Ihr Leben sei bestimmt durch die aktive Teilnahme an den lebensnotwendigen materiellen Prozessen. Die Produktion und das Akkumulieren und nicht der Konsum des Geldes treibe sie voran. Phasen der passiven Umgangsweise mit Geld endeten immer mit erneuten Versuchen der aktiven Partizipation an Kapitaltransaktionen. „Verkehrte Zirkulationen. Geld und Geschlecht in Grimmelshausens Simplicissimus“ – so der Titel des Vortrags von Isabelle Stauffer (Eichstätt). Sie legte dar, dass Geld und Geschlecht, ökonomische und sexuelle Zirkulation im Roman untrennbar miteinander verknüpft seien. Auffällig sei, dass die männliche Hauptfigur als Liebesobjekt zirkuliere und dabei keinen Gewinn, sondern Verlust erwirtschafte. Es handele sich um eine von der Gesellschaft nicht vorgesehene, eine verkehrte Zirkulation, deren narrative und interdiskursive Dimensionen Stauffer unter Berücksichtigung von Texten Johann Balthasar Schupps und John Lockes beleuchtete. Hans-Joachim Jakob (Siegen) lenkte die Aufmerksamkeit auf die Darstellung der Todsünde Geiz bzw. Habgier in Georg Philipp Harsdörffers Heracljtus und Democrjtus. Als erhellend erwies sich die Vernetzung der zweiteilige Erzählsammlung mit den Gesprächspielen und dem Poetischen Trichter. Die Betrachtungsweise speziell der avaritia sei eine ikonographisch-emblematische. Jakob konnte auch klarmachen, dass der Verbund von Prä-, Begleit- und Paratexten die Historien in Heracljtus und Democrjtus als vor oder nachgestellter Interpretationsschlüssel umgebe, der die Einübung ins allegorische Verstehen für den Leser intensivieren solle. Vor der Folie der Wirtschaftskrise der Kipper- und Wipperzeit war das Thema der Geldverschlechterung in Grimmelshausens Schriften Gegenstand der Überlegungen von Roman Widder (Berlin), der einen Zusammenhang zwischen Kippern und Wippern und der Figur des Picaro prononcierte. Kipper und Wipper verweisen – so Widder – auf den Kern des pikaresken Gattungsparadigmas und lassen sich als hypertrophe Personifikationen eines universal gewordenen Akkumulationstriebs deuten. Der zweite Veranstaltungstag klang aus mit einer beeindruckenden Inszenierung des Simplicissimus Teutsch durch das artEnsemble Theater Bochum.

Der dritte Tag begann mit einem Vortrag von Maximilian Bergengruen (Karlsruhe) über Paradoxien gottgefälliger Geldvermehrung im Rathstübel Plutonis. Simplicius werde in diesem Text durch die von Bergengruen aufgezeigten performativen Widersprüche nicht vollständig desavouiert. Der Protagonist müsse sich, so das Fazit, notwendigerweise in den Paradoxien eines gottgefälligen Kapitalerwerbs verheddern. Yashar Mohagheghi (Bielefeld) konzentrierte sich auf die Literarisierung von Krieg, Ökonomie und Mobilität im Springinsfeld und zeigte, dass Konzepte von Zirkulation und Kreislauf als nicht ökonomische Termini auf andere Vorstellungskreise rekurrieren und durchaus zur Beschreibung der Texte angemessener seien als der allgemeine Begriff der ‚Bewegung‘. Der Roman sei – ebenso wie die anderen Schriften des simplicianischen Zyklus – vom Vorstellungskreis des in Bewegung haltenden Geldes bestimmt. Der Vorstellungskreis der ‚Geldkinese‘ erweise sich als basal in der Annahme vom Kreislauf irdischer Wechselhaftigkeit und dem Teufelskreis irdischer Verstrickungen, aus dem der lasterhafte, vom Geld getriebene Mensch herausbrechen solle. Robert Schütze (Bochum) befasste sich vornehmlich mit der Schreiberfigur Philarchus Grossus aus dem Springinsfeld, der Gauckeltaschen-Szene dieses Romans und der separaten Publikation als Gauckel-Tasche. Zur Selbstdemontage des Schreibers anhand des Mediums Geld füge sich, dass dieser zu rhetorisch geformten Sprechakten nicht mehr in der Lage sei, weil etwas eintrete, das man als deregulierte Ökonomie der Einbildungskraft bezeichnen könne. In seiner Selbstinszenierung modelliere sich Philarchus Grossus als eine Autorinstanz, die über eine hypertrophe Einbildungskraft verfüge, aus der Kehrseite, den Kollateralschäden, die diese unökonomische Hypertrophie verursache, aber wiederum schreibstrategisch Kapital schlage. Nach Schützes Auffassung durchkreuze die Publikation der Gauckel-Tasche die Strategie der Vorführungen des Buches im Springinsfeld sowohl in ihrer rhetorischen Ökonomie als auch in ihrer Heilsökonomie. Im Kampf um die Gauckel-Tasche, der ein Kampf um die richtigen Schreib- und Lesetechniken sei, eine Konfrontation, die durch den Wechsel der Bildträger und mit konkurrierenden Verfahren des Einbildens ausgetragen werde – in diesem Ringen verdichte sich en miniature der Antagonismus konkurrierender Autorschaftskonzeptionen, wie es für die simplicianischen Schriften insgesamt bestimmend sei. Im letzten Vortrag der Tagung beschäftigte sich Klaus Haberkamm (Münster) mit Geld und Astrologie in Literatur und bildender Kunst. Er veranschaulichte den „kosmischen Konflikt zwischen Saturn und Jupiter“ (Raymond Klibansky) in Dürers Kupferstich „Melencolia I“ und im Simplicissimus. Der ,Kapitalist‘ und Okkultist Simplicissimus stand im Zentrum des im Hinblick auf astrologische Elemente gedeuteten Schatzfundes (ST III, 12) und Edelstein-Katalogs (ST III, 13).

Peter Heßelmann (Münster)