Tagung 2027
Ankündigung der Tagung „Grimmelshausen als
Europäer: Mehrsprachigkeit, Verflechtungen und Eurozentrismus bei Grimmelshausen und in der Literatur der Frühen Neuzeit“,17.–19. Juni 2027 in Bern
Die Tagung geht von dem Befund aus, dass Grimmelshausens Werk von markant europäischer Gestalt ist: Es nimmt Innovationen aus der italienischen, französischen und spanischen Literatur auf, sucht sich Formen und Wissensbestände unterschiedlicher Sprachherkünfte zusammen und kombiniert sie neu. Zugleich erdichtet Grimmelshausen sich in allen seinen Romanen hochgradig ,bewegte‘ Protagonisten, deren verworrene Lebenswege alle Grenzen sprengen. Vielleicht erklärt sich die europäische Mobilität von Texten und Figuren bei Grimmelshausen aus seiner frühen Vertreibungserfahrung inmitten eines kontinentalen Mächtekampfs oder aus der Prägung durch die Grenzregion der Ortenau, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte. Zugleich handelt es sich jedoch auch um ein allgemeines Kennzeichen der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit, dass sie bei allem trotzigen Patriotismus stets rasch auf die literarischen Entwicklungen ihrer Nachbarländer antwortete und mit ,Europa‘ in vielfältigste Korrespondenzen eintrat.
Die Konferenz soll das etablierte Thema ,Grimmelshausen als europäischer Autor‘ im Lichte rezenter Forschungsfragen neu perspektiveren. Die erwünschten Beiträge könnten sich erstens der konstitutiven Mehrsprachigkeit der frühneuzeitlichen Literatur widmen. Bei allem Beharren auf deutscher ,Sprachreinheit‘ schreiben deren Akteure doch nicht nur in purifiziertem Teutsch und nicht einmal nur bilingual (Deutsch-Lateinisch). Vielmehr dichten sie polyglott auf Deutsch, Französisch und Englisch (wie Weckherlin), experimentieren – freilich teils spöttisch – mit Sprachmischungen, Bildsprachen und Geheimidiomen, legen sogar selbst mehrsprachige Fachwörterbücher vor (wie Moscherosch). Wo man, wie Grimmelshausen im Teutschen Michel, die ,äußere‘ Mehrsprachigkeit eher kritisch beäugt, bespielt man immerhin die ,innere‘ Mehrsprachigkeit von Schriftstandard und Mundart, die Europas sprachregionale Pluralität bis heute bestimmt. Hier ist nicht nur an das Spessart’sche Vokabular im Simplicissimus zu denken, sondern auch an die bislang wenig beachteten niederdeutschen Gedichte einer Anna Ovena Hoyers, an die elsässische Dialektprägung von Moscheroschs Prosa, an die figurenspezifischen Soziolekte in Gryphius’ Komödien, an den Basler Johannes Brandmüller, der in den 1650er Jahren ein schweizerisch-mundartlich gefärbtes Versepos in Hexametern vorlegte, oder an den Zürcher Johann Wilhelm Simler, der die opitzische Reformpoetik dialektal umsetzte.
Zweitens soll die Tagung die textuellen und prosopographischen Verflechtungen der frühneuzeitlichen Literatur mit Europa untersuchen. Zu berücksichtigen wären hier die jüngst besonders intensiv erforschten „Übersetzungskulturen“ (DFG-Schwerpunktprogramm 2130), die aus der Polyglossie des Kontinents erwachsen. In Fallstudien ließen sich diejenigen medialen Gattungen analysieren, die sich in der Frühen Neuzeit als besonders ,transferaffin‘ und adaptiv erwiesen haben, beispielsweise das emblematische Flugblatt, die Zeitungsmeldung oder das barocke Lied mit seinen stabilen Melodien und flexiblen Texten. Schließlich: Welche Möglichkeiten eröffnen digitale Hilfsmittel und neue Visualisierungstools, um gelehrte Briefkorpora, Dichternetzwerke und Werkresonanzen in ihren transnationalen Extensionen zu erschließen? Bei aller Variabilität eignet der frühneuzeitlichen Europäisierung doch drittens auch ein pauschalisierender Impuls, und zwar immer dann, wenn man den Blick nach außen richtet, auf die erkundeten, exotisierten und eroberten Welten Amerikas, Asiens und Afrikas. Wie blicken Grimmelshausens Helden auf das biblische Ägypten, auf die Araber und das Heilige Land, auf Japan und St. Helena? Wie wird Europas koloniales Erbe kritisiert, der Eurozentrismus mit den Mitteln der Fiktion invertiert? Überhaupt sind die kolonialen Expansionen in der englischen und französischen Literatur der Zeit omnipräsent – wie sieht dies bei Grimmelshausens Zeitgenossen aus? Wie wird umgekehrt Europa in den deutschsprachigen Kolonien der Frühen Neuzeit imaginiert, etwa bei Franz Daniel Pastorius, der 1683 nach Amerika auswanderte und dessen literarisches Werk erst jüngst wiederentdeckt wurde?
Die Tagungskapazitäten sind begrenzt. Alle Reisespesen der Vortragenden können erstattet werden. Die Auswahl der Vorträge übernimmt eine vom Vorstand der Grimmelshausen-Gesellschaft eingesetzte Kommission.
Vortragsangebote bitte an: Prof. Dr. Nicolas Detering, Universität Bern, Institut für Germanistik, Länggassstrasse 49, 3012 Bern. E-Mail: nicolas.detering[at]unibe.ch.