Tagung 2018

"Geld. Interdiskursive Ökonomien bei Grimmelshausen",

7. – 9. Juni 2018 in Bochum

„Geld muß da seyn/ wenn für die schwangere Frau gebeten wird: Geld/ wenn das Kind getaufft wird: Geld wenn die Frau ihren Kirchengang hält: Geld oder Geschenck für Kinder-Lehr und Examen: Geld oder Gaben/ wenn sie zur Beicht und Communion gehen wollen: Geld/ wenn sie eine Stelle in der Kirchen haben wollen: Geld/ wenn der Sohn oder Tochter für ihre Ehesach bitten lassen: Geld/ wenn Verlöbnüß gehalten wird: Geld/ wenn die künfftige Eheleut aufgeboten werden: Geld/ wenn sie copuliret werden: Geld zu Opffer an den Festtagen/ Hochzeit- und Leichpredigten: Geld/ wenn ein Krancker vor sich bitten läst: Geld/ wenn der Krancke die Communion empfähet: Geld/ wenn er wieder aufkommt: Geld/ wenn er ein Testament macht: Geld/ wenn er stirbt: Geld/ wenn er begraben wird: Geld/ für die Leichpredigt: Geld für die Glocken: Geld für das Begräbnüß: Geld/ wenn die Schüler darüber singen: Geld/ wenn die Priester folgen: Geld für die Seelmessen[.]“

So führt in einem furiosen Durchgang von der Geburt bis zum Tod eine 1663 unter dem Titel Regina Pecunia, Mundi Politica, & Anti-Christi Theologia gedruckte Predigt Friedrich Brecklings das von der Kirche regulierte Menschenleben als in Wahrheit vom Geld getaktet vor. Geld, Geld, Geld, das ist der syntaktische Herzschlag auch dieser durchrhythmisierten Sequenz, und entsprechend mündet die vom einzelnen ausgehende Redebewegung zuletzt bei der sprichwörtlich aufs Geld reimenden Welt: „Geld ist die Welt: Geld schinden die Beampten: Geld wollen die Krieger: Geld suchen die Chimici: Geld finden die Medici: Geld begehren die Juristen: Geld plaudern die Advocaten: Geld schachern die Kaufleute: Geld holen die Schiffleute: Geld hoffen die Priester: Geld wünschen die Bauern: Geld bitten die armen: Geld ist aller Welt höchstes Gut: mit dem Geld-Geist ist alle Welt besessen: mit Geld kan man alles thun und zu wege bringen: Geld regieret die Welt[.]“ Die Zirkulation des Geldes macht weder an Standesgrenzen halt, noch unterscheidet sie zwischen Geistlich und Weltlich.

Grimmelshausens Texte tragen dieser Omnipräsenz des universalen Tauschmittels Geld, das alles mit allem in eine nicht naturgegebene, sondern gesetzte Wertrelation zu bringen vermag, das jedes in etwas anderes übersetzbar macht, fast schon programmatisch Rechnung. Und dies nicht nur im engeren Kanon der ‚simplicianischen Schriften‘, für den erste Studien, beispielsweise zu Geld und Recht in der Courasche, zur Geldzirkulation und zum hermeneutischen Zirkel im Springinsfeld, zu Ökonomie und Geld im Simplicissimus oder im Wunderbarlichen Vogel-Nest, bereits vorliegen, sondern auch in von der Forschung weniger bis kaum untersuchten Texten wie dem Satyrischen Pilgram, dem Keuschen Joseph, Simplicissimi Wunderlicher Gauckel-Tasche oder dem Rathstübel Plutonis. Dabei stiftet der motivische Geldfluß gerade auch zu Querlektüren über Text- und Gattungsgrenzen hinweg an, wenn etwa Joseph von seinen Brüdern und dann von den Kaufleuten ebenso verkauft wird wie Simplicissimus auf seiner Reise nach Jerusalem oder die von den Massiliern entführte Amelinde, deren Geschichte wiederum als Exempel im Geld-Gespräch des Rathstübels Plutonis fungiert. Auffällig ist, daß das motivisch ungewöhnlich präsente Geld in Grimmelshausens Texten von Anfang an dazu tendiert, auf der narrativen Makroebene strukturgebend zu werden und/oder mikrostrukturell metaphorische Knotenpunkte auszubilden: wenn Fragen der Erzählökonomie in der Sprache kaufmännischer Buchführung verhandelt werden, wenn Menschenhandel und plagium litterarium enggeführt werden, wenn Textproduktion in das Bild echter oder aber „falscher Sorten“ gefaßt wird. Die Pluralität von nach festgelegten Wechselkursen ineinander überführbarer Währungen lädt ebenso zur Analogisierung mit komplexen ‚Stoffwechsel‘-Prozessen unterschiedlichster Provenienz ein wie Modi der Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Geldzirkulation.

Damit stehen Grimmelshausens Texte im Schnittfeld seinerzeit hochaktueller Diskurse, wie sie sich seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert „im Takt des Geldes“ ihrerseits metaphorisch aufeinander beziehen: Geldwirtschaft, Anatomie, Musik(theorie), Mathematik, Krieg(skunst), Malerei oder Astronomie, um nur einige zu nennen. Dieses vielfältig interdiskursiv geknüpfte Netz bestimmt die Tagung als ihr Untersuchungsfeld und fragt nach (text)grenzenüberschreitenden Austauschrelationen auf der Ebene der Sachen wie derjenigen der sprach(bild)lichen Formulierungen. Geplant sind inter‑disziplinäre close readings, die Grimmelshausens Texte mit zeitgenössischen Kon‑Texten zusammen- und gegenlesen und dabei, durchaus kompatibel mit deren Machart, die Grenze zwischen Fiktion und Nichtfiktion ebenso überschreiten wie die der Textgattungen. Erprobt werden soll, welchen Erkenntnisgewinn das Verfahren des Geldes, nach gesetzten Regeln alles auf alles beziehbar zu machen und in gleichen Takt zu bringen, als Verfahren von Lektüre birgt.

Die Tagungskapazitäten sind begrenzt. Die Auswahl der Vorträge übernehmen die Veranstalter in Bochum und Duisburg/Essen in Verbindung mit dem Vorstand der Grimmelshausen-Gesellschaft. Vortragsangebote bitte an:

Prof. Dr. Nicola Kaminski, Ruhr-Universität Bochum, Germanistisches Institut, Universitätsstr. 150, D-44780 Bochum, E-mail: nicola.kaminski@rub.de

und

Robert Schütze M.A., Ruhr-Universität Bochum, Germanistisches Institut, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum, E-mail: robert.schuetze@rub.de

und

Prof. Dr. Jörg Wesche, Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Geisteswissenschaften, Neuere deutsche Literaturwissenschaft, D-45117 Essen, E-mail: joerg.wesche@uni-due.de